Schriftgröße im Web: Sind Ihre Webtexte überhaupt lesbar?

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Es gibt Websites, die lesen sich so schwer wie die letzte Zeile eines Sehtests.

Die meisten Besucher entschlüsseln solche Websites nur, wenn sie dort das Geheimnis des Bernsteinzimmers vermuten.

Falls nicht, retten sie sich lieber auf eine augenfreundlichere Seite.

Und so verflüchtigt sich auch Ihre Chance auf neue Kundenkontakte.

Möchten Sie das Maximum an potenziellen Kunden erreichen, müssen Sie Ihren Besuchern den Einstieg in die Texte so schmackhaft wie möglich machen.

Die Schriftgröße ist dabei ein wichtiger Türöffner.

 

 

Lesen erforderlich: Informationen und Handlungsaufforderungen in Webtexten

Besucher müssen Webtexte lesen. Erfolgreiche Websites leben davon.

Kein Wunder: Denn 95 Prozent der Informationen im Web sind reiner Text.

Durch Webtexte erfahren Besucher mehr über Sie, Ihr Unternehmen, Ihre Produkte oder Dienstleistungen.

Schreckt eine kleine Schrift Ihre Besucher ab, ist das Gift für Ihr Online-Geschäft. Denn wer Ihre Webtexte nicht liest, folgt in der Regel keinen Handlungsaufforderungen (Calls-to-Action):

  • Besucher kaufen nichts,
  • klicken nicht auf „Gefällt mir“,
  • teilen Ihren Inhalt nicht,
  • bestellen nicht Ihr E-Book,
  • tragen sich nicht für Ihren Newsletter ein und
  • laden auch nicht Ihr Whitepaper herunter.

Sie verlieren Kunden und Umsatz – Ihr Online-Business leidet.

Eine kleine Schrift = schlechtes Webdesign = genervte User

Sie fragen sich jetzt: „Was ist an einer kleinen Schrift so schlimm? Sie wirkt doch kompakt und passt super zum Webdesign.“

Ästhetik und Benutzerfreundlichkeit sind nicht immer die besten Freunde. Beim Thema Schriftgröße liegen sie sich oft in den Haaren.

Auch wenn es fies ist: Schlagen Sie sich auf die Seite der Benutzerfreundlichkeit. Immer! Denn Besucher sollen in den meisten Fällen nicht die atemberaubende Schönheit Ihrer Website bewundern – sie sollen die Texte lesen. Und das geht am besten mit einer leserfreundlichen Schrift.

Tatsächlich ist eine zu kleine Schrift ein Zeichen für schlechtes Webdesign. 2005 hat der bekannte Usability-Forscher Nielsen seine Newsletter-Abonnenten darum gebeten, einmal die lästigsten Übel der Benutzbarkeit von Websites zu benennen.

Das Ergebnis: Benutzer hassen zu kleine Schriftarten. Sehr sogar: Sie wählten sie auf Platz eins – mit zweimal mehr Stimmen als Platz zwei. Insgesamt zwei Drittel der Befragten regten sich darüber auf.

Ich weiß, was Sie jetzt denken: „Das ist doch fast 10 Jahre her. Die Zeiten ändern sich.“

Nicht immer. Eine kurze Recherche im Netz ergibt: Dieser „Webtrend“ hält sich hartnäckig und zählt immer noch zum schlechten Webdesign.

Ein Beispiel, schauen Sie selbst: Der Hauptinhalt bei fast allen Themes auf Themeforest hat eine voreingestellte Schriftgröße von 12 oder 13 Pixeln.

Kleine Schrift: irritiert nicht nur Menschen mit Sehschwäche

Versuchen Sie mal einen langen Text mit kleinen 13 Pixeln, winzigen 12 Pixeln oder mickrigen 10 Pixeln zu lesen.

Für Ihre Augen ist das die reinste Zumutung.

Vor allem dann, wenn Sie nicht mehr die allerbesten haben.

Tragen Sie eine Brille? Wenn ja, gehören Sie genau wie ich zu den über 40 Millionen Brillenträgern in Deutschland: Rund 63 Prozent der Erwachsenen ab 16 Jahren besitzen eine. Oder anders ausgedrückt: Vier von sieben Personen haben eine Brille.

Kontaktlinsenträger und sehbehinderte Menschen sind in dieser Statistik nicht erfasst. Wären sie es, würde sich die Vier mehr zur Fünf neigen.

Sie können also annehmen: Ein Großteil Ihrer Website-Besucher hat eine Sehschwäche.

Ab dem 60. Lebensjahr nimmt der Anteil der Brillenträger drastisch zu und steigt auf 93 (!) Prozent.

Selbst für Menschen mit Adleraugen ist eine kleine Schrift schwierig zu lesen. Unbewusst beugen sie sich weit über die Tastatur, kneifen die Augen zusammen und runzeln vor Anstrengung die Stirn.

Spätestens ab 40 wird das Lesen für alle anstrengender. Die Ursache liegt in der Linse. Sie verliert mit zunehmendem Alter ihre Biegsamkeit und wird härter. Die Folge: Nahes verschwimmt, wird unscharf. Die Lesebrille wird zum ständigen Begleiter.

Aber nicht nur die Linse unterliegt altersbedingten Veränderungen. Auch die Pupille altert. Sie wird enger und lässt mit fortscheitendem Alter immer weniger Licht ins Auge. Im Gegensatz zu früher benötigt man nun drei- bis viermal mehr Licht.

Für einen 40-Jährigen ist das so, als hätte jemand das Licht gedimmt. Er muss sich mehr bemühen als ein 20-Jähriger unter den gleichen Bedingungen. Ein 60-Jähriger hat es noch schwerer: Er liest nur noch im Schummerlicht.

Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands. (Für eine größere Ansicht klicken.) Die Mehrheit der Deutschen ist 50 Jahre alt. Lesen ist für sie mühsamer.

 

Mit diesem Wissen im Kopf betrachten Sie jetzt Ihre Zielgruppe: Wie alt ist diese?

Und wie groß ist die Schrift auf Ihrer Website?

Empfangen Sie Ihre Besucher auch mit einem Sehtest?

Websites mit kleiner Schrift sind wie Sehtests. (Für eine größere Ansicht klicken.)

 

16 Pixel: ideale Schriftgröße für angenehmes Lesen am Bildschirm

Sie halten das für übertrieben groß? Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung nach diesem Abschnitt.

Wie weit entfernt halten Sie ein Buch, eine Zeitschrift oder Ihr Smartphone, wenn Sie lesen?

Gewöhnlich beträgt der Abstand zu Ihren Augen circa 30 bis 40 Zentimeter. (Haben Sie es überprüft?)

An einem Desktop-Computer ist der ideale Abstand doppelt so weit: nämlich zwischen 60 und 70 Zentimeter. Das entspricht ungefähr einer Armlänge.

Die Schriftgröße in Büchern liegt zwischen 10 und 12 Punkten. Diese Größe ist angenehm zu lesen.

Schrift im Buch bei normalem Leseabstand. (Für eine größere Ansicht klicken.)

 

Websites mit einer kleinen Schrift sind wie Bücher, die man bei ausgestrecktem Arm lesen muss. Die Schrift wirkt durch den größeren Abstand kleiner, als sie eigentlich ist.

Vergleich der Schriftgrößen: Buch eine Armlänge entfernt gehalten vs. Website mit kleiner Schrift. (Für eine größere Ansicht klicken.)

 

Ausgleichen können Sie diesen Effekt, indem Sie die Schrift auf Ihrer Website vergrößern – und zwar auf circa 16 Pixel. Das entspricht der 12-Punkt-Schrift im Buch.

Vergleich der Schriftgrößen: Buch bei normalem Abstand vs. Website mit 16-Pixel-Schrift. (Für eine größere Ansicht klicken.)

 

Je nach Schriftart müssen Sie diese Größe nach oben oder unten anpassen. Beispielsweise lesen Sie gerade die Schriftart „PT Sans“ mit 19 Pixeln (Stand: 07.03.2016 – möglich, dass ich sie in Zukunft ändere).

Sans serif oder serif? – Empfehlung für die optimale Schriftart

„Droid Sans“ ist übrigens eine Schrift ohne Serife (französisch: sans serif). Man nennt diese Schriftartenfamilie auch „Grotesk“.

Unterschiede von Schriften mit und ohne Serife. (Für eine größere Ansicht klicken.)

 

Wie Sie auf dem Bild sehen können, sind Serifen feine Schnörkel an den Enden der Buchstabenstriche. Bei einer Sans-Serif-Schrift fehlen diese. Daher auch ihr Name: ohne Serife.

Schriften mit Serifen werden oft in Printmedien verwendet. Serife sind Lesehilfen: Buchstaben wirken durch sie komplexer und schärfer. Unser Gehirn kann Buchstaben dadurch leichter erfassen.

Fürs Lesen am Bildschirm sind sie aber gerade deswegen problematisch. Das liegt an der schlechteren Auflösung: Printartikel haben eine zehnmal höhere Punktdichte als Computerbildschirme.

Serifenlose Schriften besitzen einfache, klare Linien und eignen sich deshalb für das Bildschirmlesen besser.

Als allgemeine Empfehlung gilt:

Verwenden Sie eine Sans-Serif-Schrift für den Hauptinhalt und eine Schrift mit Serifen für die Überschriften.

 

Ähnlich wie in diesem Blogbeitrag.

Möchten Sie für den Hauptinhalt Ihre Serif-Schrift beibehalten, achten Sie auf eine ausreichende Schriftgröße (vergleichen Sie wenn nötig die Schriftgröße mit einem Buch bei entsprechendem Abstand wie oben auf dem Bild).

Ihre Besucher werden es Ihnen danken: Sie müssen weniger Zeit damit vergeuden, die Schrift zu entziffern. Stattdessen konzentrieren sie sich mehr auf die Botschaft Ihrer Webtexte.

„Was ist mit Zoom, Reader und Browser-Einstellungen?“

Zoom, Lese-Tools wie der Reader und eigene Browser-Einstellungen sollen das Online-Lesen erleichtern.

Der Haken ist: Die wenigsten nutzen diese Tools – auch dann nicht, wenn sie wissen, wo man sie findet wie etwa die versteckte Zoom-Funktion des Browsers.

Gerade Menschen im Alter von 65 plus, die die Schriftgröße oft anpassen müssen, kennen diese Hilfsmittel nicht.

Es ist ein Trugschluss, anzunehmen, Ihre User würden sich bei einer Minischrift schon zu helfen wissen. Im schlimmsten Fall verjagen Sie dadurch potenzielle Kunden, weil diese Webtexte mit kleiner Schrift nicht lesen können oder wollen.

Besucher haben schlichtweg keine Lust, die Schriftgröße manuell zu vergrößern. Sie haben es eilig, sind oft ungeduldig und erwarten gut lesbaren Content mit vielen hilfreichen Informationen.

Ein fähiger Texter kann sich noch so viel Mühe geben: Ist die Verpackung abstoßend, stürzt sich niemand auf den Inhalt.

Das Maximum an möglichen Kunden erreichen Sie, indem Sie Ihren Besuchern entgegenkommen: Gestalten Sie Ihre Webtexte benutzerfreundlich und einladend. Hilfreich sind: bequeme Schriftgröße, Leerräume, Überschriften, Aufzählungen, Bilder und Bildunterschriften (darüber folgt demnächst ein ausführlicher Beitrag).

Hält ein User Ihren Content für geeignet, liest er ihn gründlich – und das auch Wort für Wort; ungeachtet der Länge.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine kleine Schrift ist ein Indiz für schlechtes Webdesign.
  • Sie ist kaum lesbar. Vor allem lange Fließtexte werden zur Qual.
  • Menschen mit Sehschwäche und Personen ab 40 haben besonders damit zu kämpfen.
  • Die Zielgruppe 65 plus hat durch altersbedingte Veränderungen fast immer Probleme mit den Augen und folglich auch mit einer winzigen Schrift.
  • Die optimale Schriftgröße liegt bei 16 Pixeln. Je nach Schriftart müssen Sie nach oben oder unten korrigieren.
  • Sans-Serif-Schriftarten sind fürs Lesen am Bildschirm besser geeignet. Wählen Sie für lange Fließtexte (z. B. Blogartikel) eine Schrift ohne Serifen. Für Überschriften eine mit Serifen.

Generell gilt:

User wollen die Schriftgröße nicht anpassen. Zoom, Browser-Einstellungen oder Lesehilfsmittel werden selten genutzt. Es liegt an Ihnen, Ihren Besuchern leserfreundliche Webtexte anzubieten.

Nachgefragt

Verwenden Sie auf Ihrer Website eine kleine Schrift für den Fließtext? Wenn ja: Werden Sie sie ändern?

Wie reagieren Sie, wenn Sie auf einer Website mit Minischrift landen? Klicken Sie sofort wieder weg oder quälen Sie sich tatsächlich durch den Text? Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

2017-05-22T16:25:06+00:00 Mittwoch, 17 Dezember 2014|Usability|11 Kommentare

Über die Autorin:

Janett Reimann ist freie Texterin und hat sich auf das Erstellen von Webtexten spezialisiert. Sie unterstützt Freiberufler, kleine und mittlere Unternehmen bei der Content-Produktion und verhilft ihnen mit starken, zielgruppenrelevanten Texten zu einem glaubhaften und erfolgreichen Webauftritt.

11 Kommentare

  1. Michael Feigel 06/03/2016 um 20:04 – Antworten

    Hallo Frau Reimann,

    ein interessanter Beitrag und ja, ich werde nun meine Schriftgröße ändern. Allerdings hatte ich diese bereits auf 16. War dennoch etwas zu klein, meines Erachtens…

    Viele Grüße
    Michael

    • Janett Reimann 07/03/2016 um 16:15 – Antworten

      Guten Tag, Herr Feigel,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich benutze aktuell die Schrift PT Sans bei einer Schriftgröße von 19 Pixeln. Eine gut lesbare Schriftgröße ist also immer abhängig von der verwendeten Schriftart. Wenn man sich nicht sicher ist, kann man immer den Buchtrick machen: Einfach die Schriftgröße mit der im Buch vergleichen.

      Herzliche Grüße

      Janett

  2. Michael Feigel 21/03/2016 um 07:14 – Antworten

    Hallo Janett,

    gerne doch. 19 Pixel klingt anfangs „riesig“, ist aber wirklich eine gute Wahl 😉

    Liebe Grüße
    Michael

  3. Micha 12/05/2016 um 12:02 – Antworten

    Hallo Janett, ich habe Ihren Artikel durch eine Suchmaschine gefunden. Für die Neugestaltung der Homepage meines Arbeitgebers suchte ich nach DER Schriftgröße bzw. DER Schriftart. Ihre Ausführungen haben mich zum Nachdenken gebracht und ich bin froh, dass ich Ihren Text gefunden habe. Sehr gut erklärt, verständlich für Jeden, der sich auch nur halbwegs mit Internet auskennt.
    Interessant auch Ihre Aussage, dass Inhalte möglichst ohne Hilfsmittel les- und sichtbar dargestellt werden sollten. Für jemanden wie mich, der sich im Internet und mit dem PC auskennt ist die Herangehensweise von weniger internetaffinen Menschen nicht immer bewusst.

    Wie gesagt, vielen Dank für diesen Artikel.

    • Janett Reimann 19/05/2016 um 15:53 – Antworten

      Hallo Micha,

      vielen lieben Dank für das Lob. Ich freue mich immer sehr, wenn meine Artikel weiterhelfen. Dafür schreibe ich sie ja. 🙂 Ich hoffe, Sie konnten eine passende Schriftart für die Website Ihres Arbeitgebers finden.

      Zu Ihrem zweiten Punkt bezüglich der Hilfsmittel. Selbst internetaffine Menschen nutzen diese kaum. Dem liegt ein einfaches Prinzip zugrunde: Bequemlichkeit. Ich beobachte es an mir selbst beinahe täglich. Begegne ich einer Website mit kleiner Schrift, suche ich lieber nach der nächsten, als umständlich (und zeitaufwendig) die Schrift meines Browsers zu vergrößern. Man hat es eben eilig und bei dem großen Angebot an qualitativem Content findet man die Informationen schnell auf einer anderen Seite.

      Herzlichen Dank für Ihren Beitrag!

      Viele Grüße

      Janett

  4. david 19/01/2017 um 15:12 – Antworten

    Danke für den informativen Artikel!

  5. Josef 11/03/2017 um 10:44 – Antworten

    Hallo

    Am PC mit Strg + vergrößern und Strg – verkleinern ist kein Aufwand.

    Gruß
    Josef

    • Janett Reimann 16/03/2017 um 18:00 – Antworten

      Hallo Josef,

      da stimme ich Ihnen zu. Arbeit macht das wirklich nicht, nur sind viele Internetnutzer nicht einmal dazu bereit, diese kleine Tastenkombination zu betätigen. Wenn der Inhalt nicht gut lesbar ist, klickt man in der Regel eben auf eine andere Seite. Hinzu kommt noch, dass nur die wenigsten die Tastenkombination zum Anpassen der Schriftgröße auch wirklich kennen (siehe hier). Deswegen fährt man immer auf der sicheren Seite, wenn man es seinen Lesern so einfach wie möglich macht.

      Viele Grüße

      Janett

  6. […] textschoepfung.de gibt es weiterführende Tipps zum […]

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