Grammatikalische Alltagsfehler: der Gedankenstrich

//Grammatikalische Alltagsfehler: der Gedankenstrich

Nachdem wir im letzten Teil der Serie „grammatikalische Alltagsfehler“ den Bindestrich behandelt haben, nehmen wir uns nun seinen großen Bruder zur Brust: den Gedankenstrich.

Der Gedankenstrich: vom Bindestrich vertrieben

Gedankenstriche haben es heutzutage nicht leicht: Ständig machen die Bindestriche ihnen den rechtmäßig vom Duden anvertrauten Platz streitig. Der Gedankenstrich, obwohl optisch länger, kommt dagegen einfach nicht an. Das dreiste Verhalten der Bindestriche kennt dabei keine Grenzen. Ein paar Beispiele:

Ich freue mich- nicht!

Der Mann- obwohl bereits über Sechszig- sprang wie eine Gazelle über den Zaun.

Manchmal muss der Gedankenstrich auch einer doppelten Ladung Bindestriche weichen:

„Gehst du da runter, du --!“, schimpfte sie mit ihrer Katze.

Obwohl mich die Kreativität schon beeindruckt, blutet mein armes Texter-Herz angesichts dieser Verunstaltungen der deutschen Sprache jedes Mal aufs Neue. Ein Grund mehr endlich mit diesem grässlichen Alltagsfehler aufzuräumen.

 

  Welcher Strich ist denn nun welcher?

Optisch lassen sich Binde- und Gedankenstrich leicht anhand ihrer Länge unterscheiden.
Der Bindestrich ist kürzer und etwas dicker als der Gedankenstrich.Wie man auf dem Bild sieht, ist der Bindestrich gewöhnlich kürzer. Wohingegen der Gedankenstrich gestreckter wirkt.

Auf meiner Tastatur finde ich aber nur den Bindestrich.

Richtig! Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum er den Gedankenstrich so leicht verdrängen konnte. Aber keine Bange: Wir werden den Gedankenstrich schon aus seinem Versteck hervorholen. Auf Windows Betriebssystemen – wie ich eines habe – lässt sich der Gedankenstrich über eine Tastenkombination darstellen:

Einfach die Taste „ALT“ gedrückt halten und die Zahlen „0150“ über den Ziffernblock eingeben.

Weitere Darstellungsformen auf anderen Betriebssystemen können Sie im Wikipedia-Artikel nachlesen.

 

Gedankenstrich Typografie

Gedankenstrich: Wann kommt er zum Einsatz?

Nun, da wir geklärt haben, wie der Gedankenstrich aussieht und wo er zu finden ist, wird es etwas komplizierter. Es geht um die Verwendung. Gedankenstriche erfüllen eine Reihe von Funktionen. Welche das genau sind, habe ich im Folgenden zusammengefasst:

  • Einschub (bei Sprech- und Denkpausen): Transfette – beispielsweise enthalten in Fritiertem – sind für den menschlichen Organismus schädlich.
  • DoppelpunktersatzEines wusste sie genau – es war zu spät für ein Zurück.
  • Gegenstrich (anstelle des Kommas): Er wollte heute endlich mit dem Sport beginnen – aber sein innerer Schweinehund war zu mächtig.
  • Wechselkennzeichnung: „Ich mach das!“ – „Nein, geh weg da! ICH will das machen!“
  • Auslassung: „Mein Gott, woher nehm ich bloß –?“ oder „Ich wollte sag–, also ich meinte, was ich sagen wollte –.“
  • Urheberangaben: Edvard Grieg – In The Hall Of The Mountain King
  • Gegenüberstellung: Hannover 96 – Werder Bremen
  • Bis-StrichÖffnungszeiten: Mo.–Fr. 09:00–18.00 Uhr
  • Streckenstrich: Hamburg–München; oder (im Bürobereich): Hamburg – München 
  • Auslassung bei Geldbeträgen: 24,– €

Einige dieser Funktionen sind selbsterklärend, wie zum Beispiel die letzten beiden. Bei anderen muss man ein paar Regeln beachten. Die sehen wir uns jetzt an. Beginnen wir gleich mit der kompliziertesten Regel, dann haben wir das Schlimmste bereits hinter uns.

 

Zusätze und Nachträge: der Gedankenstrich bei Einschüben

Zusätze und Nachträge deuten immer auf eine Sprechpause hin. Der Satzanfang wird dabei kleingeschrieben. Es gibt zwei Möglichkeiten, sie in den Satz einzubauen:

  • angehängt an das Satzende:

„Das habe ich nicht gewusst – sorry.“

  •  eingeschoben mitten im Satz:

Peter – er hatte gerade nicht zugehört – blickte verlegen zu Boden. 

Achtung!
Aufpassen sollten Texter im letzten Fall unbedingt bei der Zeichensetzung: Die orientiert sich nämlich immer am übergeordneten Satz. Nehmen wir das folgende Beispiel:

Der Vermieter forderte, die Hausordnung einzuhalten.

Will man in diesen Satz einen Einschub machen, muss das rot gekennzeichnete Komma unbedingt erhalten bleiben. Das Ganze sieht dann wie folgt aus:

Der Vermieter forderte – bereits zum wiederholten Mal! –, die Hausordnung einzuhalten.

Auch wenn es komisch aussieht: Das Komma muss direkt an den Gedankenstrich gesetzt werden – ohne Leerzeichen. Ebenso wird der Einschub kleingeschrieben, obwohl er mit einem Ausrufezeichen endet. Weitere Beispiele:

Sie antwortete – wenig überzeugt –: „Okay.“

„Das hier – das kennste noch nicht, oder? – ist ultrakomisch!“

Anstelle von Gedankenstrichen können auch andere Satzzeichen wie Klammern oder Kommas verwendet werden. In der Regel weisen Gedankenstriche auf eine längere, bedeutungsvollere Pause oder Betonung hin.

Thomas – der gestern schon verschlafen hatte – kam heute wieder zu spät.

Thomas (der gestern schon verschlafen hatte) kam heute wieder zu spät.

Thomas, der gestern schon verschlafen hatte, kam heute wieder zu spät.

Der Gedankenstrich als Doppelpunkt

Gedankenstriche können den Platz von Doppelpunkten einnehmen, um auf etwas Folgendes oder Unerwartetes hinzuweisen:

Und ausgegeben hatte sie – nichts.

Dann machten sie das, was sie schon lange vorhatten – eine wohlverdiente Pause.

Doppelpunkt oder Komma können hier auch eingesetzt werden, der Gedankenstrich verleiht der Situation jedoch mehr Gewicht; der Effekt wird verstärkt.

Der Gedankenstrich als Anzeiger für einen Themen- oder Sprecherwechsel

Zwischen zwei Sätzen können Gedankenstriche auf einen Wechsel des Themas oder des Sprechers (in Dialogen) hinweisen. Beispiele:

„Wunderbar, dann hätten wir das ja geklärt. – Ist noch Kuchen da?“

„Was gibt es heute zu essen?“ – „Spaghetti mit Gemüse-Kokos-Soße.“ – „Ah. Fantastisch!“

Der Gedankenstrich als Bis-Strich

Der Gedankenstrich kann die Präposition „bis“ ersetzen. Üblicherweise verwendet man ihn nur bei Zahlen und anderen zählbaren Intervallen. Beispiele:

Seiten 35–50

A–Z

8–9 Uhr

Nicht erlaubt ist zum Beispiel:

Von oben–unten völlig verdreckt.

Achtung!
 In Kombination mit der Präposition „von“ wird der Gedankenstrich nicht gesetzt:

Falsch!

Öffnungszeiten: von Mo.–Fr. von 9.–18 Uhr

Richtig!

  • 1. Öffnungszeiten: von Mo. bis Fr. von 9 bis 18 Uhr

oder

  • 2. Öffnungszeiten: Mo.–Fr. 9–18 Uhr
Merke!
Wird der Gedankenstrich als Bis-Strich verwendet, dann steht zwischen den miteinander verbundenen Teilen kein Leerzeichen. Dasselbe gilt, wenn Teile eines Wortes wegfallen:

  • 1920–1950
  • „Feuer! Feuer! Feu–!“

Keine Regel ohne Ausnahme: In der Büro- und Verwaltungssprache muss ein Leerzeichen stehen, wenn der Gedankenstrich das „bis“ zwischen zwei Geldbeträgen ersetzt:

15 €  25 €

5,50 € – 10,– €

 

Zusammenfassung

Vereinfacht gesagt stehen Gedankenstriche (auch Halbgeviertstriche genannt) überall dort, wo auf eine Sprech- oder Denkpause hingewiesen werden soll. Im Gegensatz zu den Pausen, die Kommas, Doppelpunkte und Klammern ankündigen, deutet der Gedankenstrich auf eine längere, bestimmte Pause oder ein plötzlich unerwartetes Ereignis („Da drüben! – Hugh Jackman!“) hin.

Der Gedankenstrich kann verwendet werden, um einen Sprecher- oder Themenwechsel anzukündigen. Er steht auch bei Einschüben in einen Satz: hier sowohl als Zusatz als auch als Nachtrag. Darüberhinaus zeigt er Auslassungen von Wörtern und Geldbeträgen (meist Cents) an. Auch als Strecken- und Urheberstrich findet er Verwendung. Gedankenstriche werden immer mit Leerzeichen in den Satz eingefügt: Ausnahmen bilden die Satzeichen des übergeordneten Satzes sowie die Verwendung als Bis-Strich.

Verlinkt:

Weitere Informationen finden Sie auf folgenden Seiten:

Für alle, die ihr Wissen testen wollen, gibt es auf typefacts.com einen niedlichen Test.

Was? Wie? Bindestrich? Gedankenstrich?

Verwirrt? Im nächsten Beitrag gibt es eine Gegenüberstellung der beiden Strichtypen.

 

2018-02-07T12:23:29+00:00 Freitag, 6 Dezember 2013|Sprache|9 Kommentare

Über die Autorin:

Janett Reimann
Ich bin Dienstleisterin rund um Wort und Text. Ausgerüstet mit einem Sinn für Sorgfalt, einem Auge fürs Detail und einer Portion Kreativität korrigiere, lektoriere, optimiere und schreibe ich Texte für Web und Print. In meinem Blog zeige ich Ihnen, wie Sie verständlicher schreiben, Texte leserfreundlich aufbereiten und auf welche beliebten Rechtschreib- und Grammatikfehler Sie achten müssen.

9 Comments

  1. Storch 14/03/2017 um 18:17 Uhr – Antworten

    Ein schöner Artikel! Einfacher ist es aber, die Tastenkombination Strg + Minuszeichen auf dem numerischen Tastenblock rechts zu benutzen. Wenn man einen solchen nicht hat, muss man halt auf die obengenannte Methode zurückgreifen oder aber sich eine neue Tastenkombination selber in Word anlegen. Strg + Alt + Bindestrich bietet sich da gut an, da diese Kombination noch frei ist.

    • Janett Reimann
      Janett Reimann 16/03/2017 um 18:04 Uhr – Antworten

      Hallo Storch,

      vielen Dank für das Lob und die wertvolle Ergänzung zum Beitrag! Ich bin mir sicher, dass Sie damit einigen Lesern einen hilfreichen Tipp an die Hand gegeben haben.

      Viele Grüße

      Janett

  2. André 28/06/2017 um 21:24 Uhr – Antworten

    Hallo Janett,
    als professioneller Redakteur und Lektor helfe ich mehreren Vereinen bei ihren Zeitschriften. Ein neues Mitglied eines Vereins, der erst seit kurzer Zeit an einem Vereinsblatt mitarbeitet, hatte für heute Abend mit mir ein Telefonat zum Thema Binde- und Gedankenstriche vereinbart. In Vorbereitung auf das Telefonat hat er durch Zufall Deinen Blog hier gefunden – und mir den Link geschickt, ob ich mit ihm über diese Dinge sprechen will. Nachdem ich Deine Erklärungen gelesen habe, war ich sehr glücklich – denn endlich hat die ganzen Anwendungsfälle für den Gedankenstrich einmal jemand super gut und nachvollziehbar dargestellt. Diesen Link werde ich nun wohl häufig versenden – er wird mir viele Erklärungen ersparen.
    Deshalb möchte ich Dir ausdrücklich für Deine Mühe danken!
    Mit herzlichen Grüßen aus Dresden
    André

    • Janett Reimann
      Janett Reimann 29/06/2017 um 12:11 Uhr – Antworten

      Hallo André,

      ein ganz großes Dankeschön für Deinen Kommentar und die lieben Worte! Ich freue mich immer riesig, wenn meine Beiträge anderen das Leben etwas leichter machen. 🙂

      Sonnige Grüße nach Dresden
      Janett

  3. Martina 16/08/2017 um 13:13 Uhr – Antworten

    Liebe Janett,

    auch ich bin dir sehr dankbar für diesen Artikel. Ein Fall, an dem ich gerade grübel, ist mir eingefallen:

    Was sagst du zu den Fällen, in denen in der wörtlichen Rede ein Stottern wiedergegeben werden soll, nämlich so:

    „I-Ich weiß nicht, w-was du meinst.“

    Würdest du hier zum Gedankenstrich oder zum Bindestrich tendieren?

    Viele Grüße

    Martina

    • Janett Reimann
      Janett Reimann 13/09/2017 um 15:55 Uhr – Antworten

      Hallo Martina,

      ich freue mich, dass Dir der Artikel weiterhelfen konnte.

      Es gibt, soweit ich weiß, keine feste Regel, wie man Stottern schriftlich wiedergibt. Ich persönlich würde dafür aber nicht den Gedankenstrich benutzen. Er funktioniert zwar auch als Auslassungszeichen, aber beim Stottern wird ja nichts ausgelassen. Eher hat der Sprecher Probleme, das Wort herauszubekommen. Er braucht dafür mehrere Anläufe. Das verdeutlicht man am besten mit dem Bindestrich, so wie Du es im Beispiel schon getan hast. Wenn ganze Wörter oder Teile von Wörtern weggelassen werden sollen, würde ich den Gedankenstrich nehmen. Beispiel: „Schatz, wo ist denn –? Ah, schon gut. Ich hab’s!“ oder „Ach du Schei–!“ Wenn jemand beim Sprechen längere Pausen einlegt oder zögert, dann würde ich die Auslassungspunkte nehmen. Beispiel: „Ich … ich kann jetzt … ich kann jetzt grad nicht.“

      Wie gesagt, meines Wissens gibt es dafür keine genauen Regeln.

      Viele Grüße zurück

      Janett

      • Martina 19/09/2017 um 18:02 Uhr – Antworten

        Liebe Janett,

        vielen Dank für deine Antwort. Das hat mir sehr weitergeholfen.

        Viele Grüße

        Martina

  4. Dominik 04/07/2018 um 09:34 Uhr – Antworten

    Guten Tag,

    zuerst einmal recht herzlichen Danke, dass Sie Ihr Wissen so offen und zugänglich teilen – hat mir schon oft weitergeholfen.

    Eine Frage bzw. Verständnisproblem habe ich noch bei Wortverbindungen. Wie verhält es sich bei folgendem Beispiel: „Kommunkationsverständnis und – Ebene“? Wird die Ebene hier groß geschrieben oder schreibt man sie klein, da es sich ja auf die großgeschriebene Kommunikation bezieht?

    Vielen Dank im Voraus für die Beantwortung.

    Lieben Gruß
    Dominik

    • Janett Reimann
      Janett Reimann 04/07/2018 um 15:01 Uhr – Antworten

      Hallo Dominik,

      vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich freue mich, dass Ihnen meine Blogartikel weiterhelfen konnten.

      Nun zu Ihrer Frage: Bei Ihrem Beispiel haben wir zwei zusammengesetzte Substantive, die einen gemeinsamen Bestandteil haben – nämlich das Substantiv Kommunikation: Kommunikationsverständnis und Kommunikationsebene. Im Deutschen können wir den gemeinsamen Bestandteil auch auslassen. Das Zeichen, was diese Auslassung markiert, ist aber nicht der Gedankenstrich, sondern der Bindestrich. Es müsste korrekt so heißen: Kommunikationsverständnis und -ebene. Der Bindestrich ergänzt quasi das Susbtantiv Kommunikations, daher schreiben wir Ebene auch klein. Denken Sie sich einfach die ausgeschriebene Version Kommunikationsverständnis und Kommunikationsebene und ersetzen Sie das Kommunikations in Kommunikationsebene einfach durch den Bindestrich. Der Rest bleibt, wie er ist.

      Ich hoffe, ich konnte Ihnen hiermit weiterhelfen.

      Viele Grüße
      Janett

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