Grammatikalische Alltagsfehler: Fremdwörter – mit oder ohne Bindestrich?

//Grammatikalische Alltagsfehler: Fremdwörter – mit oder ohne Bindestrich?

Fremdwörter in ganz Deutschland fürchten sich.

Ein grammatikalischer Alltagsfehler, eine Sonderform des Deppenleerzeichens, hat es auf sie abgesehen. Sein Vorgehen ist immer gleich: Der Alltagsfehler entreißt englischen Substantiven ihre Bindestriche und zerstört so ihre einzige Verbindung zu Angehörigen, Partnern und Kollegen.

Dabei macht er auch vor Berühmtheiten wie „Content Marketing“, „Website Traffic“ und „Facebook Seite“ nicht halt.

Die betroffenen Substantive fühlen sich oft einsam und entwurzelt. Nicht selten lassen sie sich wegen Identitätskrisen behandeln. Ohne Bindestriche fällt es ihnen schwer, ihren täglichen Pflichten nachzugehen: alles scheint sinnlos.

Auch die Sätze sind empört. „Die dreiste Bindestrich-Entführung raubt unseren Substantiven den Sinn und verzerrt den Zusammenhang“, so ein Sprecher der Satzfraktion. „Der Lesefluss leidet darunter. Es ist einfach entsetzlich. Man muss diesem Alltagsfehler endlich das Handwerk legen.“

Keine Macht dem Bindestrich-Kidnapper

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir tun die englischen Substantive leid. Deswegen leiste ich nun meinen Beitrag, diesen grammatikalischen Alltagsfehler aufzuhalten.

Nun fragen Sie sich vielleicht: „Was ist so schlimm daran, den Bindestrich wegzulassen?“

Ich kann es Ihnen sagen:

  • Die Betonung verändert sich.
  • Der Sinn geht verloren.
  • Der Zusammenhang fehlt.
  • Der Lesefluss gerät ins Stocken.
  • Die Gefahr steigt, dass Leser nicht auf Anhieb verstehen, worum es geht.
  • Und nicht zu unterschätzen: Im Deutschen sieht es einfach nur doof aus, wenn mehrere Substantive einzeln hintereinander „aufgelistet“ werden.

Bindestrichloses Verwirrspiel: eine Überschrift – vier Lesevarianten –vier Bedeutungen.

Infografik: Zeigt wie unterschiedlich man eine Überschrift ohne Bindestriche deuten kann.
Sehen wir uns das an dieser Beispielüberschrift genauer an:

Wie Sie mit Facebook Seiten Fans gewinnen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten diesen Satz zu lesen:

Variante 1: Mein erster Impuls. Ich lese ihn wie eine Aufzählung:

Wie Sie mit Facebook, Seiten, Fans gewinnen.

Man darf es mir wirklich nicht verübeln. Schließlich deuten die Leerzeichen darauf hin, dass es zwischen den Substantiven keinen Zusammenhang gibt. Ich muss also jedes Wort einzeln betrachten. Eine Aufzählung liegt da nahe. Aber wollte der Texter mir wirklich sagen, dass ich mit Facebook, irgendwelchen Seiten und Fans gewinne?

Eher nicht.

Das führt mich zu Variante 2: Ich muss (etwas angenervt) von vorn beginnen und einen Sinn hineinbringen.

Wie Sie mit Facebook Seiten-Fans gewinnen.

Aha, schon besser. Facebook hilft mir also, „Seiten-Fans“ zu gewinnen. Was für Fans das genau sein sollen und für welche Seiten ich sie gewinnen kann, bleibt ein Rätsel.

Variante 3 muss her. Ich versuche es erneut:

Wie Sie mit Facebook-Seiten Fans gewinnen.

Das könnte schon eher passen. Aber halt!

Es gibt noch Variante 4:

Wie Sie mit Facebook-Seiten-Fans gewinnen.

Im einem Text zu Variante 4 müsste ich erfahren, wie mich Fans meiner Facebook-Seite erfolgreicher machen.

In Variante 3 hingegen ginge es inhaltlich darum, wie ich mit meiner Facebook-Seite überhaupt erst Fans bekomme.

Ein gewaltiger Unterschied!

Wie die Überschrift tatsächlich gemeint ist, finde ich nur heraus, wenn ich den Text dazu lese.

Aber ganz ehrlich: Wenn mich die Überschrift verwirrt, ich sie nicht verstehe, sie mich nicht anspricht oder gar irritiert, dann werde ich auch nicht den dazugehörigen Text lesen. Am Ende ist der genauso schwer verständlich. Dafür habe ich einfach keine Zeit.

Der Bindestrich schafft Klarheit.

Wir haben gesehen: Der Bindestrich ist ein wichtiges, sinnstiftendes Zeichen. Er schafft Klarheit, indem er verbindet, was zusammengehört.

Außerdem steuert er die Betonung einzelner Worte und somit den Lesefluss. Nehmen wir noch einmal das Beispiel von eben:

Wie Sie mit Facebook Seiten Fans gewinnen.

Lesen Sie diesen Satz einmal laut vor: Normalerweise müssten Sie alle Substantive einzeln, im selben Tonfall und mit Pausen dazwischen sprechen. Also tatsächlich wie in einer Aufzählung mit Komma:

Wie Sie mit Facebook, Seiten, Fans gewinnen.

Das gleiche geschieht mit dem „Social Media Berater“. Instinktiv will man es wie eine Aufzählung lesen: Social, Media, Berater.

Sobald ein Bindestrich zwei der Substantive miteinander verbindet, ändert sich auch die Betonung. Lesen Sie nun auch den folgenden Satz laut vor:

Wie Sie mit Facebook-Seiten Fans gewinnen.

Haben Sie es gemerkt? Beim Lesen ziehen wir „Facebook-Seiten“ zu einem Wort zusammen, sprechen es schnell und ohne Pause. Danach folgt eine kurze Sprechpause und wir betonen das Substantiv „Fans“:

Wie Sie mit Facebook-Seiten Fans gewinnen.

Achten Sie beim Texten darauf, Ihren Lesern nicht solche Stolperfallen in den Weg zu legen.

Der Bindestrich bei zusammengesetzten Fremdwörtern

Im zweiten Teil von „grammatikalische Alltagsfehler“ habe ich den Bindestrich bereits näher beleuchtet. Lesen Sie dort, wann man ihn verwenden muss, kann und wann er entfällt.

Den Bindestrich in Verbindung mit fremdsprachigen Substantiven habe ich dort jedoch nur kurz angekratzt. Höchste Zeit etwas tiefer zu scharren und die Regeln dieses Sonderfalls freizulegen.

Keine Angst, sie sind nicht kompliziert.

Wirklich nicht! 🙂

1. Verbindungen aus zwei oder mehreren fremdsprachigen Substantiven schreibt man zusammen. Wird es zu lang, kann zur besseren Lesbarkeit ein Bindestrich stehen:

  • Contentmarketing oder Content-Marketing (nicht Content Marketing)
  • Sciencefiction oder Science-Fiction (nicht Science Fiction)
  • Websitetraffic oder Website-Traffic (nicht Website Traffic)
  • Landingpage oder Landing-Page (nicht Landing Page)

Ohne Bindestrich und getrennt geschrieben sind diese Wörter nur in englischen Texten korrekt.

ABER: Onlineshop: Dieses Wort schreibt man immer zusammen – ohne Bindestrich.

2. Auch für Fremdwörter in Kombination mit deutschen Substantiven gilt die oben genannte Regel:

  • Contentmarketingstrategie oder Content-Marketing-Strategie
  • Contentkurator oder Content-Kurator
  • Keyworddichte oder Keyword-Dichte
  • Websiteanalysetools oder Website-Analyse-Tools

3. Achten Sie bei diesen Zusammensetzungen aber darauf, einen Bindestrich zwischen alle Teile zu setzen!

  • Keyword-Recherche-Tools (nicht Keywordrecherche-Tools oder Keyword-Recherchetools)

4. Substantivierungen aus einem englischen Verb und Partikel (Adverb) werden mit Bindestrich geschrieben. Sofern noch lesbar, dürfen diese Verbindungen auch zusammengeschrieben werden:

  • Back-up oder Backup
  • Count-down oder Countdown
  • Push-up oder Pushup
  • Work-out oder Workout
  • Make-up oder Makeup

5. Bleiben noch Wortgruppen mit (meist englischen) Fremdwörtern. Diese werden auch mit Bindestrich geschrieben. Dabei schreibt man den Anfang und alle Substantive groß:

  • der Call-to-Action
  • die Trial-and-Error-Methode
  • die Hit-and-run-Strategie
  • die Social-Media-Managerin

6. Keinen Bindestrich benötigen einfache Verbindungen aus Adjektiven und Substantiven:

  • Social Media
  • Soft Skills
  • Long Drink
  • Public Relations

Bedenken Sie aber, dass diese Adjektiv-Substantiv-Kombinationen in anderen Zusammensetzungen mit Bindestrich stehen. Dies signalisiert Lesern, dass die Begriffe eine Einheit bilden und zusammengehören:

  • die Social-Media-Strategie (nicht: die Social Media-Strategie)
  • die Public-Relations-Agentur (nicht: die Public Relations-Agentur)

Hoffnung für Substantive?

Der Grammatikfehler hat sich zwar schon weit ausgebreitet, einige Substantivgruppen mit intaktem Bindestrich konnten sich seinen Fängen jedoch entziehen. Um nicht aufzufallen, haben sie sich aufgeteilt und überall im Internet versteckt.

Manchmal, wenn man Glück hat, sieht man kleinere Grüppchen auf einem Blog, einer Website, einem Twitter-Account oder einer Facebook-Seite.

Oft leben sie auch zusammen mit Substantivkombinationen, die ihre Bindestriche bereits verloren haben. Ich habe noch nicht herausgefunden, warum. Vermutlich leisten sie den bindestrichlosen Substantiven seelischen Beistand. Gemeinsam schöpfen sie Kraft aus der Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Hoffen wir, dass die Substantive ihre Bindestriche bald wieder zurückbekommen.

Ich drücke ihnen jedenfalls die Daumen, dass das Deppenleerzeichen überführt werden kann.

Helfen Sie doch den Substantiven, indem Sie diesen Beitrag teilen. 🙂

Verlinkt

Hier können Sie die Regeln auf der Duden-Website und auf Canoo.net noch einmal nachlesen.

 

2018-01-18T18:15:18+00:00 Freitag, 29 August 2014|Sprache|4 Kommentare

Über die Autorin:

Janett Reimann
Ich bin Dienstleisterin rund um Wort und Text. Ausgerüstet mit einem Sinn für Sorgfalt, einem Auge fürs Detail und einer Portion Kreativität korrigiere, lektoriere, optimiere und schreibe ich Texte für Web und Print. In meinem Blog zeige ich Ihnen, wie Sie verständlicher schreiben, Texte leserfreundlich aufbereiten und auf welche beliebten Rechtschreib- und Grammatikfehler Sie achten müssen.

4 Comments

  1. […] Verbindungen macht der Bindestrich übersichtlicher. Das gilt auch für Zusammensetzungen aus zwei fremdsprachlichen Nomen oder gleichrangigen […]

  2. […] solid #f6f6f6;} Und auch der Geschäftsführer von Amazon Prime Instant Video (nebenbei: Totalversagen beim Thema Bindestrich) schließt seinen Werbebrief mit exakt den gleichen Worten (inklusive des […]

  3. Teresa Reinhardt 15/01/2018 um 20:44 Uhr – Antworten

    Ausgezeichnete Erläuterungen zu einem äußerst lästigen Thema (neben dem Übersetzen redigiere ich auch die Übersetzungen anderer). Dieses Problem verdanken wir der sinnlosen Übertragung von Regeln, die für das Englische gelten, was uns u.a. auch die „Search & Replace“-Funktion beschert hat. Diese wird (in deutschen Übersetzungen und vor allem auch von Projektmanagern in Agenturen) oft fröhlich angewendet, ohne zu bedenken, dass man im Deutschen dann auch einige andere Dinge (Artikel, die Endungen von Adjektiven usw.) angleichen muss.

    • Janett Reimann
      Janett Reimann 18/01/2018 um 17:51 Uhr – Antworten

      Vielen Dank für das Lob und Ihren Kommentar sowie Ihre interessante Ergänzung zum Thema. Schade, dass die deutsche Sprache manchmal so stiefmütterlich behandelt wird.

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